Sind filter[] und filter%5B%5D für Google dieselbe URL?
Nein. Für Google sind eine URL mit rohen eckigen Klammern und dieselbe URL mit kodierten Klammern zwei verschiedene Adressen, die beide gecrawlt werden. Das hat John Mueller von Google am 19. Oktober 2026 auf Bluesky klargestellt. Liefert der Server für beide Varianten identischen Inhalt, kann Google die Dopplung zwar erkennen und eine Version behalten. Dafür muss Google aber erst beide abrufen.
Für die meisten Websites ist das eine Fußnote. Für Shops mit Facettennavigation, Produktvergleichen oder Filter-Arrays in der URL ist es ein Hebel für das Crawl-Budget, und für Teams, die gerade einen Relaunch planen, eine Architekturentscheidung, die man einmal richtig treffen sollte.
Was genau hat Google gesagt?
Auslöser war eine Frage von Vanessa Fox, früher bei Google und dort maßgeblich an den Webmaster-Tools beteiligt. Sie wollte auf Bluesky wissen, ob ?filter[]=123 und ?filter%5B%5D=123 als unterschiedliche URLs gelten. Mueller antwortete, er sei selbst von Gleichwertigkeit ausgegangen und habe dazu früher vermutlich falsche Auskünfte gegeben. Die Kernaussagen, wie sie Search Engine Journal und Search Engine Roundtable zusammenfassen:
- Grundlage ist der URL-Standard. RFC 3986, Abschnitt 2.2 zählt eckige Klammern und das Pluszeichen zu den reservierten Zeichen. URIs, die ein reserviertes Zeichen durch seine kodierte Form ersetzen, sind danach nicht gleichwertig.
- Rohe Klammern im Query-String sind streng genommen ungültig. Der Standard sieht sie nur für IPv6-Adressen im Hostnamen vor.
- Google crawlt beide Varianten. Bei identischem Inhalt kann die Duplikaterkennung greifen und eine Version auswählen. Mueller spricht von „soft-equivalent“, also gleichwertig im Ergebnis, nicht in der Adresse.
- Groß- und Kleinschreibung der Kodierung spielt keine Rolle.
%5Bund%5bsind gleichwertig. - Dieselbe Logik gilt für Leerzeichen, Pluszeichen und
%20, mit Unterschieden zwischen Pfad und Query-String. - Bestehende Websites mit rohen Klammern dürften weiter funktionieren. Eine neue Website würde Mueller aber nicht so aufsetzen. Seine Empfehlung: eine Schreibweise wählen und sie in internen Links, Canonicals, Sitemaps und strukturierten Daten konsequent verwenden.
Googles eigene Dokumentation zur URL-Struktur, zuletzt am 21. Oktober 2026 aktualisiert, formuliert die Regel allgemein: Zeichen, die der Standard als reserviert definiert, müssen prozentkodiert werden. Eckige Klammern gehören dazu. In der Anleitung zur Facettennavigation steht zudem, dass Klammern, Kommas und Semikolons von Crawlern oft nicht als Parameter-Trenner erkannt werden. Empfohlen wird das Standard-Trennzeichen &.
Wo entstehen eckige Klammern in der Praxis?
Klammern in URLs sind kein Exotenproblem. Sie entstehen überall dort, wo Parameter als Array übergeben werden, zum Beispiel ?farbe[]=rot&farbe[]=blau für eine Mehrfachauswahl. Diese Konvention nutzen PHP-Anwendungen seit jeher, und viele Filter-, Such- und Vergleichsfunktionen in Shopsystemen und Frameworks bauen darauf auf.
Das eigentliche Risiko ist nicht die Klammer selbst, sondern dass eine Website mehrere Schreibweisen gleichzeitig erzeugt, ohne dass es jemand merkt. Ich habe das mit Standardfunktionen nachgestellt. Derselbe Filterzustand ergibt je nach Erzeugungsweg drei verschiedene URLs:
- Roh:
?filter[farbe][]=rot- typisch für Links, die im Template per Textverkettung gebaut werden. - Kodiert:
?filter%5Bfarbe%5D%5B%5D=rot- erzeugt von HTML-Formularen mit GET, vonURLSearchParamsin JavaScript und von Pythonsurlencode. - Kodiert und indiziert:
?filter%5Bfarbe%5D%5B0%5D=rot- erzeugt von PHPshttp_build_query, das Listen-Einträge durchnummeriert.
Der PHP-Server liest alle drei als identisches Array und liefert dieselbe Seite aus. Für einen Crawler sind es drei URLs. Geprüft am 26. Oktober 2026 mit Chromium, Node.js, PHP und Python.
Ein typisches Szenario aus Shop-Audits: Die Filterleiste ist ein Formular und erzeugt kodierte URLs. Die Paginierung und die „Filter entfernen“-Links werden im Template gebaut und enthalten rohe Klammern. Die XML-Sitemap wiederum kommt aus einem Export-Skript mit eigener Logik. Jede Komponente ist für sich korrekt, zusammen verdoppeln oder verdreifachen sie die Zahl der crawlbaren Filter-URLs.
Warum ist das für große Shops ein Crawling-Problem?
Facettennavigation ist ohnehin der größte Crawl-Budget-Fresser im E-Commerce: Jede Kombination aus Farbe, Größe, Marke, Preis und Sortierung ist eine eigene URL. Kommen zwei oder drei Schreibweisen hinzu, multipliziert sich diese Menge noch einmal.
- Crawling vor Deduplizierung. Google erkennt Duplikate erst, nachdem beide Varianten abgerufen wurden. Bis dahin ist das Crawl-Budget bereits verbraucht, und zwar bei jedem erneuten Crawl.
- Verteilte Signale. Interne Links, die auf unterschiedliche Schreibweisen zeigen, bündeln ihre Wirkung nicht automatisch auf einer URL. Google wählt eine kanonische Version, aber nicht zwingend die, die Sie vorgesehen haben.
- Regeln, die nur eine Schreibweise treffen. robots.txt-Disallows, Canonical-Logik, Weiterleitungsregeln oder Parameter-Filter in Tools greifen oft auf eine bestimmte Zeichenfolge. Ist die andere Variante nicht abgedeckt, läuft sie an der Regel vorbei.
- Unsaubere Daten. In Search Console, Webanalyse und Logfiles kann dieselbe Seite unter mehreren URLs auftauchen. Das verzerrt Seitenberichte und erschwert die Bewertung einzelner Filterseiten.
Für eine Website mit einigen hundert Seiten ist das vernachlässigbar. Für einen Shop mit hunderttausenden Produkten und tiefen Filtern kann es den Unterschied ausmachen, ob neue Produkte innerhalb von Tagen oder Wochen gecrawlt werden.
Was hat das mit KI-Crawlern und SEO-Tools zu tun?
Ein Detail in Muellers Antwort verdient mehr Aufmerksamkeit als die Hauptaussage: Google hatte vor über zehn Jahren selbst Probleme mit diesen Zeichen, und andere Crawler, Indexer und Fetcher arbeiten nach seiner Einschätzung womöglich nicht so exakt. Er rät, zu prüfen, wie die Systeme, auf die es Ihnen ankommt, mit solchen URLs umgehen.
Das betrifft heute deutlich mehr Systeme als nur den Googlebot:
- KI-Crawler und Antwortmaschinen. Wer in ChatGPT, Perplexity oder Microsoft Copilot zitiert werden will, braucht URLs, die auch dort eindeutig aufgelöst werden. Unterschiedliche Schreibweisen erhöhen das Risiko, dass eine Variante zitiert wird, die nicht kanonisch ist. Mehr dazu in GEO statt SEO? Was E-Commerce 2026 wirklich umstellen muss.
- SEO-Crawler und Monitoring. Ob ein Audit-Tool Varianten zusammenführt oder getrennt ausweist, entscheidet darüber, ob das Problem im Report überhaupt sichtbar wird.
- CDN und Caching. Wenn Cache-Keys die Schreibweisen nicht normalisieren, entstehen mehrere Cache-Einträge für dieselbe Seite, mit Folgen für Ladezeit und Serverlast.
- Feeds und Partner. Produkt-URLs in Merchant-Center-Feeds, Preisvergleichen oder Affiliate-Netzwerken sollten exakt der kanonischen Schreibweise entsprechen.
Ein Praxis-Hinweis für Audits: Das Kommandozeilen-Tool curl interpretiert eckige Klammern standardmäßig als Muster für Bereiche. Wer Filter-URLs damit testet, braucht die Option -g (--globoff), sonst prüft man etwas anderes, als man glaubt.
Wie prüfen Sie, ob Ihre Website betroffen ist?
Die Prüfung dauert für ein erfahrenes Team selten länger als einen halben Tag. Vier Schritte reichen für eine belastbare Einschätzung:
1. Logfiles auswerten
Filtern Sie die Googlebot-Zugriffe der letzten 30 Tage nach [, %5B und %5b. Tauchen für denselben Pfad mehrere Schreibweisen auf, ist das Problem real und kostet bereits Crawl-Budget.
2. Quellen der Links finden
Crawlen Sie die Website und gruppieren Sie die Filter-URLs nach Schreibweise und nach der Seite, die sie verlinkt. So sehen Sie, welche Komponente welche Variante erzeugt: Filterformular, Paginierung, Breadcrumb, Sitemap oder JavaScript.
3. Signale abgleichen
Prüfen Sie für eine Stichprobe von Filterseiten, ob interne Links, rel="canonical", hreflang, XML-Sitemap und strukturierte Daten exakt dieselbe Schreibweise verwenden. Genau diese Konsistenz nennt Mueller als Voraussetzung dafür, dass auch Bestandsseiten mit rohen Klammern sauber funktionieren.
4. Search Console gegenprüfen
Suchen Sie im Leistungs- und im Seitenindexierungsbericht nach Filter-URLs mit beiden Schreibweisen. Erscheinen sie getrennt, entscheidet Google gerade selbst, welche Variante zählt.
Ein schneller Test für Entwickler: new URL(a).href === new URL(b).href ergibt für die rohe und die kodierte Variante false. Auch Chromium ruft einen Link mit rohen Klammern in meinem Test unverändert ab, während ein Formular dieselben Parameter kodiert. Der Unterschied verschwindet also nicht von selbst im Browser.
Was sollten Sie jetzt konkret tun?
Die richtige Maßnahme hängt davon ab, ob Sie eine bestehende Website optimieren oder eine neue Architektur planen.
- Eine Schreibweise festlegen und dokumentieren. Für neue Systeme die kodierte Form, wie es Googles Dokumentation für reservierte Zeichen vorsieht. Bei Bestandssystemen darf es auch die rohe Form bleiben, wenn sie überall konsequent genutzt wird.
- URL-Erzeugung zentralisieren. Links, Formulare, Sitemaps und Feeds sollten dieselbe Funktion verwenden. Das ist meist die eigentliche Ursache und der eigentliche Fix.
- Indexierbare Facetten bewusst auswählen. Nur Filterkombinationen mit echtem Suchvolumen sollten indexierbar sein, idealerweise mit sprechenden URLs ohne Arrays. Der Rest wird per robots.txt oder Canonical gesteuert, wie Google es für Facettennavigation empfiehlt.
- Regeln gegen alle Varianten testen. robots.txt, Weiterleitungen und Canonical-Logik mit jeder vorkommenden Schreibweise prüfen, nicht nur mit der erwarteten.
- Varianten serverseitig zusammenführen, wenn sie bereits gecrawlt werden. Zeigen die Logfiles mehrere Schreibweisen, ist eine 301-Weiterleitung auf die festgelegte Form meist sauberer als ein Canonical allein. Das ist meine Einschätzung aus der Praxis, keine Google-Vorgabe.
- Bei Relaunch und Migration im Lastenheft verankern. URL-Kodierung gehört in die technische Spezifikation, genauso wie Weiterleitungslogik und Parameter-Handling. Mehr dazu in meinem Playbook zur CMS-Migration und auf der Seite zum SEO-Relaunch.
Mueller erwartet, dass bestehende Websites mit rohen Klammern weiter funktionieren. Eine Website, die seit Jahren konsistent mit rohen Klammern arbeitet, muss nicht hektisch umgebaut werden. Handlungsbedarf entsteht, wenn mehrere Schreibweisen parallel existieren, wenn Crawl-Budget knapp ist oder wenn ohnehin ein Relaunch ansteht. Dann kostet die saubere Lösung wenig, das Versäumnis aber über Jahre Crawling-Kapazität.
Fazit: ein Zeichen, eine Regel, eine URL
Die Klarstellung zu eckigen Klammern ist klein, zeigt aber ein größeres Muster: Selbst Google-Mitarbeiter sind bei URL-Details von falschen Annahmen ausgegangen, und viele technische SEO-Annahmen beruhen auf solchen ungeprüften Gleichsetzungen. Für Shops und Portale mit Filtern gilt deshalb: Jede Seite braucht genau eine URL-Schreibweise, und alle Systeme, die URLs erzeugen, müssen sie identisch verwenden.
Mein Rat: Prüfen Sie die Logfiles auf gemischte Schreibweisen, zentralisieren Sie die URL-Erzeugung und legen Sie die Kodierung für jeden Relaunch verbindlich fest. Wenn Sie wissen möchten, wie viel Crawl-Budget Ihre Facettennavigation tatsächlich kostet, unterstütze ich Sie gern im Rahmen von technischem SEO und E-Commerce SEO.
John Mueller auf Bluesky, 19. Oktober 2026 · Search Engine Journal: Google Crawls Raw And Encoded Bracket URLs Separately, 21. Oktober 2026 · Search Engine Roundtable: Google Search Internal Issues With Square Brackets In URLs, 20. Oktober 2026 · Google Search Central: URL-Struktur · Google: Crawling von Facettennavigation steuern · RFC 3986, Abschnitt 2.2



