Ein Filter, der Suchen ohne Worte sichtbar macht
Die Search Console teilt den Suchtyp „Web" jetzt in textbasiert und multimodal. Multimodal umfasst Suchen, bei denen ein Bild Teil der Anfrage war: Google Lens, Circle to Search auf Android, Bild-Uploads in der Google-Suche und „Bild mit Google suchen" in Chrome. Der Rollout startete am 24. September weltweit. Suchbegriffe gibt es für diesen Typ nicht, dafür Seiten, Länder und Geräte. Für SEO heißt das: Nicht nur Begriffe müssen gefunden werden, auch Produkte, Orte und Objekte müssen für Google eindeutig zuordenbar sein.
Was Google geändert hat
Im Leistungsbericht stehen unter „Web" jetzt zwei Varianten: text-based für getippte Suchanfragen und multimodal für Ergebnisse, bei denen ein Bild verwendet wurde. Der Filter steht im klassischen Leistungsbericht und im Bericht zu generativen KI-Funktionen zur Verfügung; Letzterer zählt nur Impressionen, keine Klicks. Daten erscheinen nur, wo es entsprechende Suchen gibt, erste Werte reichen etwa bis zum 10. September zurück.
Das ist kein neues Ranking-System und keine neue Suchfunktion. Google misst separat, was Nutzer ohnehin tun. Wichtig für Zeitreihen: Laut John Mueller waren diese Daten zuvor nicht in den Zählungen enthalten - es handelt sich um zusätzliche Daten, nicht um aus „Web" herausgelöste.
Der entscheidende Unterschied: Es gibt keine Keywords
Für multimodale Suchen stellt die Search Console keine Suchanfragen-Dimension bereit. Das ist folgerichtig: Wer die Kamera auf einen Gegenstand richtet, tippt oft keinen Begriff. Die Ausgangsfrage der Analyse ändert sich damit von „Über welches Keyword wurde die Seite gefunden?" zu „Warum ordnet Google gerade diese Seite dem gesehenen Objekt zu?"
Gerade im E-Commerce passt das zum Nutzerverhalten. Wer einen Rucksack, eine Lampe oder ein Ersatzteil sieht, kennt oft weder Marke noch Modell. Google bezifferte Lens bereits im Oktober 2024 auf fast 20 Milliarden visuelle Suchen pro Monat, rund ein Fünftel davon mit Shopping-Bezug. Wie viel davon auf eine einzelne Website entfällt, zeigt erst der neue Filter.
Welche Unternehmen den Report zuerst prüfen sollten
- E-Commerce: Mode, Möbel, Schmuck, Elektronik, Pflanzen, Ersatzteile - alles mit klar erkennbaren visuellen Merkmalen.
- Reise, Local und Locations: Gebäude, Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Hotels werden häufig fotografiert.
- Publisher und How-to: Wer Pflanzen, Werkzeuge, Bauteile oder Gerichte erklärt, erreicht Nachfrage, die keine Keyword-Recherche zeigt.
- B2B: selektiv. Für Beratung oder SaaS kaum relevant, für Maschinen, Komponenten und Ersatzteile womöglich sehr.
Entscheidend ist nicht die Branche, sondern ob die visuelle Identifikation eines Gegenstands realistisch Teil des Suchprozesses ist.
Was Sie jetzt in der Search Console prüfen sollten
1. Multimodalen Traffic isolieren
Leistungsbericht öffnen, Suchtyp „Web: multimodal" wählen. Erscheinen keine Daten, ist das zunächst kein Problem; der Rollout läuft noch. Sind Daten vorhanden, exportieren.
2. Seiten statt Gesamtmengen vergleichen
Ohne Keywords ist die URL die wichtigste Dimension. Multimodale Top-Seiten neben die klassischen organischen Top-Seiten legen. Interessant sind die Abweichungen: Eine Produktseite, die klassisch durchschnittlich läuft, visuell aber stark ist, enthält möglicherweise ein übertragbares Muster.
3. Seitentypen bilden
Bei größeren Websites URLs gruppieren: Produktdetail, Kategorie, Ratgeber, Standort, News, Galerie. So zeigt sich, ob es Zufallstreffer oder ein wiederkehrendes Muster gibt.
4. Länder und Geräte getrennt betrachten
Visuelle Suche dürfte stark mobil geprägt sein. Der Report ist genau dazu da, diese Annahme für die eigene Website zu prüfen, statt sie vorauszusetzen.
Was Sie auf erfolgreichen Seiten untersuchen sollten
Lassen sich relevante URLs identifizieren, lohnt der Vergleich in fünf Bereichen:
- Bildqualität: Ist das Hauptmotiv groß, eindeutig und ohne grafische Überlagerungen erkennbar?
- Bildkontext: Stehen Produktname, Typ, Material oder Variante im HTML nahe am Bild?
- Strukturierte Daten: Sind Produkt und Angebot maschinenlesbar zugeordnet?
- Crawlbarkeit: Sind die Bilder erreichbar, indexierbar und Teil des gerenderten Inhalts?
- Konsistenz: Stimmen Bild, sichtbarer Text, strukturierte Daten und Feed überein?
Entscheidend ist die Kombination. Ein perfekter Alt-Text macht aus schwachen Produktdaten keine starke Seite, und vollständige Produktdaten helfen wenig, wenn das Objekt auf dem Foto kaum zu erkennen ist. Alt-Texte bleiben wichtig für Barrierefreiheit und Einordnung, sind aber kein neuer Ranking-Hebel: Visuelle Suchsysteme analysieren den Bildinhalt selbst.
Ein Reporting-Haken für Enterprise-Teams
Die Search Analytics API listet für den Parameter type weiterhin nur web, image, video, news, discover und googleNews; ein Multimodal-Wert ist mit Stand 25. September nicht dokumentiert. Bestehende Looker-, Power-BI- oder Warehouse-Pipelines sehen das neue Segment also nicht. Meine Empfehlung: multimodale Daten vorerst per Export als eigenes Dataset führen und nicht stillschweigend in bestehende Web-Zeitreihen mischen.
Dazu kommt: Am selben 24. September startete das September-Spam-Update, dessen Rollout laut Google bis zu zwei Wochen dauern kann. Rankingbewegungen dieser Tage sollten nicht vorschnell einer einzigen Ursache zugeschrieben werden. Wie sich neue Search-Console-Berichte sauber einordnen lassen, zeige ich auch in Die neuen KI-Reports der Search Console richtig lesen.
Was der Report nicht beantworten kann
Sie sehen nicht, welches Bild die Suche ausgelöst hat, welchen Gegenstand Google erkannt hat oder welcher Bildbestandteil den Ausschlag gab. Der Report ist deshalb kein Visual-Search-Rank-Tracker, sondern ein Diagnoseinstrument. Genau darin liegt sein Wert.
Fazit
Der Multimodal-Filter ist keine Revolution, sondern etwas Nützlicheres: ein Messinstrument für Nachfrage, die klassische Keyword-Recherche prinzipbedingt nicht erfasst. Für E-Commerce, visuelle Produkte, Locations und erklärende Inhalte würde ich jetzt eine Baseline aufbauen, 30 Tage wöchentlich exportieren und starke mit schwachen Seiten derselben Kategorie vergleichen. Nicht sofort alle Bilder neu beschriften, sondern erst messen, welche Seiten gefunden werden, dann verstehen warum, und erst danach skalieren.



